
EKG schreiben: Anleitung für die MFA
Das EKG schreiben gehört zu den absoluten Kernkompetenzen jeder Medizinischen Fachangestellten. In der Arztpraxis, im MVZ oder in der Klinik wirst du regelmäßig ein Elektrokardiogramm ableiten – und es wird erwartet, dass du das sicher, schnell und fehlerfrei beherrschst. Ein sauber geschriebenes EKG ist die Grundlage für die ärztliche Diagnose. Umgekehrt kann ein schlecht abgeleitetes EKG zu Fehlinterpretationen führen und im schlimmsten Fall wichtige Befunde verschleiern.
In dieser Anleitung lernst du Schritt für Schritt, wie du ein 12-Kanal-EKG korrekt ableitest, welche Fehler du unbedingt vermeiden solltest und wie du typische Artefakte erkennst. Egal ob du dich auf die Prüfung vorbereitest oder dein Wissen auffrischen willst – hier findest du alles Wichtige kompakt zusammengefasst.
Grundlagen – Was misst ein EKG?
Ein EKG (Elektrokardiogramm) zeichnet die elektrische Aktivität des Herzens auf. Wichtig zu verstehen: Es misst nicht die Pumpfunktion des Herzens, sondern die elektrischen Impulse, die den Herzmuskel zur Kontraktion anregen. Diese Impulse entstehen im Sinusknoten und breiten sich über das Reizleitungssystem aus.
Auf dem EKG-Streifen erkennst du charakteristische Wellen und Zacken:
- P-Welle: Zeigt die Erregungsausbreitung in den Vorhöfen (Atrien). Eine normale P-Welle ist klein, rundlich und positiv in Ableitung II.
- QRS-Komplex: Steht für die Erregungsausbreitung in den Herzkammern (Ventrikeln). Er ist der auffälligste Ausschlag und dauert normalerweise 60–120 ms.
- T-Welle: Bildet die Erregungsrückbildung der Kammern ab. Sie folgt nach dem QRS-Komplex und ist in den meisten Ableitungen positiv.
12-Kanal-EKG: Elektroden korrekt anlegen
Das Standard-EKG in der Praxis ist das 12-Kanal-EKG. Obwohl der Name es vermuten lässt, benötigst du dafür nicht zwölf Elektroden, sondern nur zehn: vier Extremitätenelektroden und sechs Brustwandelektroden. Aus diesen zehn Ableitpunkten berechnet das Gerät zwölf verschiedene Ableitungen, die das Herz aus unterschiedlichen „Blickwinkeln" darstellen.
Extremitätenableitungen – Die Ampelregel
Die vier Extremitätenelektroden werden an Armen und Beinen befestigt. Für die korrekte Zuordnung gibt es einen bewährten Merkspruch: „Rechts beginnt's, im Uhrzeigersinn wie die Ampel" – also Rot, Gelb, Grün, und Schwarz als Erde.
| Farbe | Position | Kürzel |
|---|---|---|
| Rot | Rechter Arm (Handgelenk) | RA |
| Gelb | Linker Arm (Handgelenk) | LA |
| Grün | Linker Fuß (Knöchel) | LL |
| Schwarz | Rechter Fuß (Knöchel) = Erde | RL |
Die Merkregel funktioniert so: Du startest am rechten Arm mit Rot und gehst im Uhrzeigersinn weiter – wie bei einer Ampel von Rot über Gelb zu Grün. Schwarz (Erde) ist am rechten Fuß und bildet den Abschluss. Diese Reihenfolge solltest du im Schlaf beherrschen, denn eine Verwechslung der Extremitätenelektroden verfälscht das gesamte EKG.
Aus den Extremitätenelektroden ergeben sich die Ableitungen nach Einthoven (I, II, III) und die Ableitungen nach Goldberger (aVR, aVL, aVF). Sie betrachten das Herz in der Frontalebene.
Brustwandableitungen V1–V6
Die sechs Brustwandelektroden (Wilson-Ableitungen) werden direkt auf dem Brustkorb platziert. Sie betrachten das Herz in der Horizontalebene und sind besonders wichtig für die Beurteilung der Vorderwand und Seitenwand.
| Ableitung | Anatomische Position |
|---|---|
| V1 | 4. Interkostalraum (ICR), rechts parasternal |
| V2 | 4. Interkostalraum (ICR), links parasternal |
| V3 | Auf der Verbindungslinie zwischen V2 und V4 |
| V4 | 5. Interkostalraum (ICR), linke Medioklavikularlinie |
| V5 | Gleiche Höhe wie V4, vordere Axillarlinie |
| V6 | Gleiche Höhe wie V4, mittlere Axillarlinie |
Tipp zum Auffinden des 4. ICR: Taste das Brustbein (Sternum) von oben nach unten ab. Auf Höhe der 2. Rippe findest du den Angulus sterni (Ludovici) – eine fühlbare Kante. Von dort zählst du die Zwischenrippenräume nach unten: 2. ICR, 3. ICR, 4. ICR. V1 liegt rechts neben dem Brustbein auf dieser Höhe, V2 links daneben.
Vorbereitung des Patienten
Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete für ein artefaktfreies EKG. Gehe dabei systematisch vor:
- Aufklärung: Erkläre dem Patienten kurz, was passiert. Viele haben Angst vor Stromschlägen – beruhige sie, dass das EKG nur ableitet und keinen Strom abgibt. Es ist völlig schmerzfrei.
- Lagerung: Der Patient liegt entspannt und flach auf der Liege. Die Arme liegen locker neben dem Körper, die Beine sind nicht überkreuzt.
- Oberkörper freimachen: Der Brustbereich muss frei zugänglich sein. Bitte den Patienten, den Oberkörper zu entkleiden.
- Schmuck entfernen: Uhren, Armbänder und Ketten im Bereich der Elektroden sollten abgelegt werden, da sie die Ableitung stören können.
- Hautvorbereitung: Bei starker Behaarung die Elektrodenpositionen rasieren. Fettige oder feuchte Haut mit einem trockenen Tuch abreiben. Bei sehr trockener Haut kann EKG-Kontaktgel oder ein leicht feuchtes Tuch die Leitfähigkeit verbessern.
- Warme Hände: Kalte Hände und Füße führen zu Muskelzittern und damit zu Artefakten. Bei Bedarf den Patienten kurz unter eine Decke legen.
- Ruhe: Bitte den Patienten, während der Aufzeichnung ruhig zu liegen, nicht zu sprechen und gleichmäßig zu atmen.
Häufige Fehler beim EKG-Schreiben
Auch erfahrene MFAs machen gelegentlich Fehler. Wenn du diese typischen Stolperfallen kennst, kannst du sie gezielt vermeiden:
- Elektrodenverwechslung: Der häufigste Fehler! Besonders die Verwechslung der Armelektroden (Rot/Gelb) fällt oft erst bei der Befundung auf und kann einen pathologischen Befund vortäuschen. Nutze immer die Ampelregel.
- Schlechter Hautkontakt: Trockene Haut, Körperbehaarung oder zu wenig Kontaktgel führen zu hohem Übergangswiderstand und verrauschten Kurven.
- Muskelzittern: Frierender oder angespannter Patient – das Ergebnis sind hochfrequente Störungen, die den Grundlinien-Verlauf unruhig machen.
- Falsche Elektrodenposition: Besonders bei den Brustwandableitungen ist exaktes Abzählen der Interkostalräume entscheidend. Eine falsche Position von V1/V2 verschiebt das gesamte Muster der Brustwandableitungen.
- Kabelführung: Kabel sollten nicht übereinander liegen oder über den Körper geführt werden. Kabelsalat erzeugt Störungen.
- Patient nicht entspannt: Sprechen, Husten oder angespannte Muskulatur während der Aufzeichnung verfälschen die Kurve.
- Fehlende Patientendaten: Vergiss nicht, Name, Geburtsdatum und Datum korrekt am Gerät einzugeben, bevor du aufzeichnest.
Artefakte erkennen und vermeiden
Artefakte sind Störsignale, die nicht vom Herzen stammen, aber auf dem EKG-Streifen erscheinen. Sie können echte Befunde überdecken oder pathologische Veränderungen vortäuschen. Hier die häufigsten Artefakttypen:
Wechselstrom-Einstreuung (50-Hz-Artefakt): Ein gleichmäßiges, feinzackiges Brummen überlagert die EKG-Kurve. Ursache sind elektrische Geräte in der Nähe (Lampen, Ladegeräte, Handys). Lösung: Elektrische Geräte entfernen oder ausschalten, Erdungselektrode prüfen, Netzstecker des EKG-Geräts prüfen.
Muskelartefakte (EMG-Artefakte): Unregelmäßige, hochfrequente Zitterbewegungen in der Grundlinie. Der Patient ist angespannt, friert oder zittert. Lösung: Patienten beruhigen, zudecken, bequem lagern, eventuell kurz warten.
Bewegungsartefakte: Langsame, wellenförmige Schwankungen der Grundlinie, oft durch Atmung oder Bewegung des Patienten. Lösung: Patienten bitten, ruhig und flach zu liegen, gleichmäßig und flach zu atmen.
Schlechter Elektrodenkontakt: Einzelne Ableitungen zeigen eine stark schwankende oder springende Grundlinie. Oft betrifft es nur die Ableitungen einer einzelnen Elektrode. Lösung: Betroffene Elektrode prüfen, Haut erneut vorbereiten, Elektrode erneuern, Kabelverbindung kontrollieren.
Als Faustregel gilt: Wenn ein Artefakt nur in bestimmten Ableitungen auftritt, liegt das Problem meist bei der zugehörigen Elektrode. Wenn alle Ableitungen betroffen sind, ist es oft ein generelles Problem (Patient, Umgebung oder Gerät).
Belastungs-EKG und Langzeit-EKG – Aufgaben der MFA
Neben dem Ruhe-EKG gibt es zwei weitere EKG-Varianten, bei denen du als MFA wichtige Aufgaben übernimmst:
Belastungs-EKG (Ergometrie)
Beim Belastungs-EKG tritt der Patient auf einem Fahrrad-Ergometer in die Pedale, während kontinuierlich ein EKG abgeleitet wird. Die Belastung wird stufenweise gesteigert.
Deine Aufgaben als MFA:
- Ruhe-EKG vor Belastungsbeginn ableiten
- Blutdruckmessung in jeder Belastungsstufe
- Kontinuierliche Überwachung des EKG-Monitors
- Auf Beschwerden des Patienten achten (Schwindel, Brustschmerz, Atemnot)
- Dokumentation der Belastungsstufen, Herzfrequenz und Blutdruckwerte
- Erholungsphase betreuen und dokumentieren
Langzeit-EKG (24-Stunden-EKG / Holter-Monitor)
Beim Langzeit-EKG trägt der Patient ein kleines Aufzeichnungsgerät für in der Regel 24 Stunden im Alltag.
Deine Aufgaben als MFA:
- Elektroden sorgfältig anlegen (meist 5–7 Elektroden) – sie müssen 24 Stunden halten
- Haut besonders gründlich vorbereiten (rasieren, entfetten, leicht anrauen)
- Elektroden zusätzlich mit Pflaster fixieren
- Patienten einweisen: Tagebuch führen (Aktivitäten, Beschwerden, Medikamenteneinnahme), Gerät nicht nass werden lassen, Ereignistaste bei Beschwerden drücken
- Gerät am nächsten Tag abnehmen und Daten für die ärztliche Auswertung vorbereiten
EKG-Papier lesen – Grundlagen für MFA
Auch wenn die Interpretation des EKGs Aufgabe des Arztes ist, solltest du als MFA die Grundlagen des EKG-Papiers kennen. So erkennst du sofort, ob das geschriebene EKG technisch verwertbar ist.
Papiergeschwindigkeit: In Deutschland ist 50 mm/s der Standard (international häufig 25 mm/s). Bei 50 mm/s gilt:
- 1 kleines Kästchen (1 mm) = 0,02 Sekunden
- 1 großes Kästchen (5 mm) = 0,1 Sekunden
Amplitude (Eichung): Standardmäßig entspricht 1 mV = 10 mm Ausschlag. Die Eichzacke am Anfang des EKG-Streifens zeigt dir, ob die Kalibrierung stimmt – sie sollte exakt 10 mm hoch sein.
Herzfrequenz schnell berechnen (bei 50 mm/s):
Zähle die Anzahl der großen Kästchen (5 mm) zwischen zwei R-Zacken und teile 600 durch diesen Wert:
Herzfrequenz = 600 / Anzahl große Kästchen zwischen zwei R-Zacken
Beispiel: 8 große Kästchen zwischen zwei R-Zacken = 600 / 8 = 75 Schläge pro Minute.
Bei einer Papiergeschwindigkeit von 25 mm/s rechnest du mit 300 statt 600 (ein großes Kästchen entspricht dann 0,2 s).
Checkliste nach dem Schreiben:
- Ist die Eichzacke korrekt (10 mm)?
- Sind alle 12 Ableitungen aufgezeichnet?
- Ist die Grundlinie ruhig und stabil?
- Sind Patientendaten und Datum korrekt vermerkt?
- Ist die Papiergeschwindigkeit dokumentiert?
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie lange dauert das Schreiben eines Ruhe-EKGs? Die reine Aufzeichnung dauert nur wenige Sekunden bis eine Minute. Mit Vorbereitung, Elektroden anlegen und Nachbereitung solltest du insgesamt etwa 5–10 Minuten einplanen. In der Routine geht es oft noch schneller.
Darf ich als MFA ein EKG befunden? Nein, die Befundung und Interpretation ist ausschließlich ärztliche Aufgabe. Du darfst aber technische Auffälligkeiten erkennen (z. B. Artefakte, fehlende Ableitungen, offensichtliche Rhythmusstörungen) und den Arzt darauf hinweisen. Je mehr Grundlagenwissen du hast, desto besser.
Was mache ich, wenn eine Ableitung „nicht mitschreibt"? Prüfe zuerst die betroffene Elektrode: Sitzt sie fest? Hat sie guten Hautkontakt? Ist das Kabel korrekt angeschlossen und nicht beschädigt? Oft reicht es, die Elektrode neu zu platzieren oder die Haut erneut vorzubereiten.
Muss ich bei starker Brustbehaarung rasieren? Ja, an den Stellen, wo die Elektroden platziert werden, solltest du die Haare mit einem Einmalrasierer entfernen. Ohne direkten Hautkontakt bekommst du kein verwertbares EKG. Erkläre dem Patienten vorher freundlich, warum das nötig ist.
Wie erkenne ich eine Elektrodenverwechslung auf dem EKG-Streifen? Eine typische Verwechslung der Armelektroden (Rot und Gelb) zeigt sich durch eine negative P-Welle und einen negativen QRS-Komplex in Ableitung I. Wenn dir so ein Bild auffällt, prüfe als Erstes die Elektrodenplatzierung, bevor du das EKG dem Arzt vorlegst.
Kann ich mit Einmalelektroden oder Saugelektroden arbeiten? Beides ist möglich. Einmalelektroden (Klebeelektroden) sind hygienisch und praktisch, insbesondere für das Langzeit-EKG. Saugelektroden (Brustwand) und Klammerelektroden (Extremitäten) sind wiederverwendbar und in vielen Praxen Standard für das Ruhe-EKG. Wichtig ist in jedem Fall guter Hautkontakt – bei Saugelektroden mit ausreichend Kontaktgel.
Du willst dein Wissen noch weiter vertiefen und dich gezielt auf die Prüfung vorbereiten? In unserem Lernbereich findest du interaktive Übungen und Quizfragen zu allen prüfungsrelevanten Themen. Schau auch in unseren Artikel zur Vorbereitung auf die praktische MFA-Prüfung – dort erfährst du, wie du praktische Tätigkeiten wie das EKG-Schreiben sicher demonstrierst.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz erstellt und redaktionell geprüft. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und Prüfungsvorbereitung. Sie ersetzen nicht die offiziellen Prüfungsunterlagen oder den Unterricht. Trotz sorgfältiger Kontrolle übernehmen wir keine Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.
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