Gesundheit
30.10.2026
Aktualisiert am 28.08.2026
MFA Prüfungsfit Redaktion

Nadelstichverletzung: Sofortmaßnahmen und was du wissen musst

Es passiert schneller, als man denkt: Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit beim Entsorgen einer Kanüle, eine hektische Blutentnahme oder ein ungesichertes Instrument auf der Ablage – und schon ist es passiert. Eine Nadelstichverletzung (NSV) gehört zu den häufigsten Arbeitsunfällen im medizinischen Bereich. Als MFA bist du täglich mit spitzen und scharfen Gegenständen im Kontakt, und deshalb ist es entscheidend, dass du genau weißt, was im Ernstfall zu tun ist. Denn die ersten Minuten nach einer Nadelstichverletzung können über deine Gesundheit entscheiden.

In diesem Artikel erfährst du Schritt für Schritt, welche Sofortmaßnahmen du ergreifen musst, welche Meldepflichten gelten und wie du dich langfristig schützen kannst.

Wie häufig sind Nadelstichverletzungen?

Nadelstichverletzungen sind relevante Arbeitsunfälle im Gesundheitswesen und müssen unverzüglich nach dem festgelegten betrieblichen Verfahren versorgt, gemeldet und dokumentiert werden. Die TRBA 250 beschreibt Schutzmaßnahmen für Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen im Gesundheitswesen.1

Das ist ein Problem, denn über Nadelstichverletzungen können mehr als 20 verschiedene Krankheitserreger übertragen werden. Die drei wichtigsten sind:

  • HIV (Humanes Immundefizienz-Virus)
  • Hepatitis B (HBV)
  • Hepatitis C (HCV)
Das individuelle Übertragungsrisiko hängt unter anderem von Erreger, Verletzungstiefe, Kontamination, Immunstatus und zeitnahen Maßnahmen ab. Jede Verletzung muss deshalb fachlich beurteilt werden.

Sofortmaßnahmen – Die ersten 5 Minuten

Wenn du dich an einer kontaminierten Nadel oder Kanüle verletzt hast, zählt jede Minute. Gehe ruhig, aber zügig die folgenden Schritte durch:

1. Blutfluss fördern

Lass die Wunde 1–2 Minuten ausbluten. Unterstütze den Blutfluss durch leichten Druck im umliegenden Gewebe, sodass Blut austritt und potenzielle Erreger aus der Wunde gespült werden. Wichtig: Quetsche oder massiere die Wunde nicht, da dies Erreger tiefer ins Gewebe drücken kann (Empfehlung gemäß DGUV Information 207-024).

2. Wunde gründlich desinfizieren

Behandle die Einstichstelle großzügig mit einem viruzid wirksamen Antiseptikum auf Alkoholbasis (z. B. alkoholisches Hautdesinfektionsmittel oder Octenisept). In jeder Arztpraxis sollte ein geeignetes Desinfektionsmittel griffbereit sein – nachgewiesene Wirksamkeit gegen behüllte Viren ist Pflicht.

3. Antiseptisches Einwirken lassen

Lass das Desinfektionsmittel mindestens 10 Minuten auf der Wunde einwirken. Tränke dazu einen sterilen Tupfer mit dem Antiseptikum und lege ihn auf die Einstichstelle. Unterbrich die Einwirkzeit nicht.

4. Steriles Pflaster anlegen

Versorge die Wunde anschließend mit einem sterilen Pflaster oder Wundverband. Achte darauf, die Wunde nicht unnötig zu berühren.

5. Vorgesetzten sofort informieren

Informiere unverzüglich deine Praxisleitung bzw. deinen Arbeitgeber über den Vorfall. Dies ist nicht nur für die Dokumentation wichtig, sondern auch, weil die nächsten Schritte – wie die Vorstellung beim Durchgangsarzt – zeitnah eingeleitet werden müssen.

Merke: Die Sofortmaßnahmen bei einer Nadelstichverletzung folgen dem Prinzip: Bluten lassen – Desinfizieren – Einwirken lassen – Verbinden – Melden. Je schneller du handelst, desto besser kannst du das Infektionsrisiko reduzieren.

Meldung und Dokumentation

Eine Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall und muss entsprechend dokumentiert und gemeldet werden. Folgende Schritte sind Pflicht:

  • Verbandbuch: Trage den Vorfall sofort ins Verbandbuch der Praxis ein. Notiere Datum, Uhrzeit, Art der Verletzung, die verwendete Nadel bzw. das Instrument und ob der Infektionsstatus des Quellpatienten bekannt ist.
  • Durchgangsarzt (D-Arzt): Stelle dich innerhalb von 24 Stunden bei einem Durchgangsarzt vor. Der D-Arzt dokumentiert die Verletzung offiziell und leitet die weiteren arbeitsmedizinischen Maßnahmen ein. Die Kosten werden von der zuständigen Berufsgenossenschaft übernommen.
  • BGW-Unfallmeldung: Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) muss bei Arbeitsunfällen informiert werden. Dein Arbeitgeber ist verpflichtet, die Unfallmeldung auszufüllen und abzuschicken – auch bei scheinbar harmlosen Verletzungen.
  • Betriebsarzt: Parallel sollte der Betriebsarzt informiert werden, der die arbeitsmedizinische Nachsorge koordiniert und die Kontrolluntersuchungen plant.
Vergiss nicht: Auch wenn sich später herausstellt, dass keine Infektion vorliegt, ist die lückenlose Dokumentation essenziell. Nur so sind deine Ansprüche gegenüber der Berufsgenossenschaft im Ernstfall gesichert. Weitere Informationen zum Thema Hygiene in der Arztpraxis findest du in unserem ausführlichen Leitfaden.

Blutentnahme – Wer wird getestet?

Nach einer Nadelstichverletzung ist eine Blutentnahme notwendig – und zwar im Idealfall bei beiden Beteiligten:

Bei dir (verletzte Person):

  • Bestimmung des aktuellen Immunstatus
  • Testung auf HIV, Hepatitis B und Hepatitis C
  • Diese Erstuntersuchung dient als Ausgangswert (Baseline), um später eine mögliche Serokonversion nachweisen zu können
Beim Quellpatienten (Indexperson):
  • Testung auf HIV, Hepatitis B und Hepatitis C
  • Wichtig: Der Quellpatient muss der Blutentnahme freiwillig zustimmen – eine Zwangstestung ist rechtlich nicht zulässig
  • Wenn der Patient einwilligt, kann das Ergebnis innerhalb weniger Stunden vorliegen und beeinflusst die weiteren Maßnahmen erheblich
Falls der Infektionsstatus des Quellpatienten unbekannt bleibt oder der Patient die Testung ablehnt, wird in der Regel von einem erhöhten Risiko ausgegangen, und die Schutzmaßnahmen werden entsprechend eingeleitet. Grundlegendes Wissen zur Blutentnahme als MFA solltest du in jedem Fall beherrschen.

Postexpositionsprophylaxe (PEP) bei HIV

Wenn nach einer Nadelstichverletzung ein HIV-Risiko besteht, gibt es eine wirksame Gegenmaßnahme: die HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP). Dabei handelt es sich um eine antiretrovirale Medikamentenkombination, die eine Ansteckung verhindern kann.

Zeitfenster:

  • Idealerweise innerhalb von 2 Stunden nach der Verletzung beginnen
  • Maximal innerhalb von 72 Stunden möglich, danach sinkt die Wirksamkeit drastisch
  • Je früher die PEP startet, desto höher die Schutzwirkung
Wo bekommst du die PEP?
  • In der Notaufnahme jedes Krankenhauses
  • Bei HIV-Schwerpunktpraxen
  • In vielen Durchgangsarzt-Praxen
  • Nachts und am Wochenende: Notaufnahme ist die sicherste Anlaufstelle
Dauer und Nebenwirkungen:
  • Die PEP wird über 4 Wochen (28 bis 30 Tage) eingenommen
  • Mögliche Nebenwirkungen: Übelkeit, Durchfall, Kopfschmerzen, Müdigkeit
  • Die Nebenwirkungen sind in der Regel gut beherrschbar und klingen nach Absetzen der Medikamente ab
  • Die Kosten übernimmt die Berufsgenossenschaft

Hepatitis B – Warum deine Impfung so wichtig ist

Hepatitis B ist der Erreger mit dem höchsten Übertragungsrisiko bei Nadelstichverletzungen. Die gute Nachricht: Es gibt eine hochwirksame Impfung, die dich schützt.

Was du über deinen Impfstatus wissen musst:

  • Als MFA bist du laut Arbeitsschutzrecht verpflichtet, deinen Hepatitis-B-Impfstatus überprüfen zu lassen
  • Nach einer vollständigen Grundimmunisierung (3 Impfungen) sollte der Anti-HBs-Titer bestimmt werden
  • Ein Titer von ≥ 100 IE/l gilt als sicherer Schutz
  • Liegt der Titer zwischen 10 und 100 IE/l, wird eine Auffrischimpfung empfohlen
Nach einer Nadelstichverletzung bei ungeimpften Personen oder unzureichendem Impfschutz (Anti-HBs < 100 IE/l):
  • Aktiv-passive Simultanimpfung: Hepatitis-B-Immunglobulin plus aktive Impfung
  • So früh wie möglich, spätestens innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach Exposition (RKI-Empfehlung)
Hepatitis C – leider kein Impfschutz verfügbar:
  • Gegen Hepatitis C existiert derzeit keine Impfung
  • Nach einer Exposition erfolgen regelmäßige Kontrolluntersuchungen über 6 Monate
  • Bei einer nachgewiesenen Infektion stehen heute sehr wirksame antivirale Medikamente zur Verfügung, die Heilungsraten von über 95 % erreichen
Informiere dich auch über die aktuellen STIKO-Impfempfehlungen für MFA, um deinen Impfschutz insgesamt auf dem neuesten Stand zu halten.

Psychische Belastung nach dem Vorfall

Über eines wird viel zu selten gesprochen: Eine Nadelstichverletzung ist nicht nur ein körperliches, sondern auch ein psychisch belastendes Ereignis. Die Angst vor einer möglichen HIV- oder Hepatitis-Infektion kann überwältigend sein – und das ist völlig normal.

Besonders die Wartezeit auf die Testergebnisse empfinden viele Betroffene als extrem belastend. Bis eine HIV-Infektion sicher ausgeschlossen werden kann, vergehen mindestens 6 Wochen, bei Hepatitis C sogar bis zu 6 Monate. Diese Ungewissheit kann zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und anhaltender Sorge führen.

Was dir helfen kann:

  • Sprich darüber: Tausche dich mit Kollegen aus. Du wirst feststellen, dass viele ähnliche Situationen erlebt haben.
  • Nutze professionelle Unterstützung: Die BGW bietet psychologische Betreuung im Rahmen des Arbeitsunfalls an. Diese Leistung ist kostenlos.
  • Informiere dich: Wissen über die tatsächlichen Übertragungsrisiken kann helfen, die Angst einzuordnen. Das Risiko einer HIV-Übertragung liegt bei 0,3 % – das bedeutet, in 997 von 1.000 Fällen kommt es zu keiner Infektion.
  • Nimm dir Zeit: Es ist in Ordnung, nach dem Vorfall einen Gang zurückzuschalten. Dein Arbeitgeber ist verpflichtet, auf deine Situation Rücksicht zu nehmen.

Prävention – So schützt du dich

Der beste Umgang mit Nadelstichverletzungen ist, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Die TRBA 250 (Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe) legt fest, welche Schutzmaßnahmen in medizinischen Einrichtungen gelten:

Sicherheitskanülen verwenden: Seit der Novellierung der TRBA 250 sind Arbeitgeber verpflichtet, sichere Instrumente (Sicherheitskanülen, Sicherheitslanzetten) bereitzustellen, wenn diese am Markt verfügbar sind. Die Umstellung auf Sicherheitsprodukte reduziert das Verletzungsrisiko nachweislich um bis zu 80 %.

Niemals Recapping! Das Zurückstecken der Schutzkappe auf eine benutzte Kanüle – sogenanntes Recapping – ist eine der häufigsten Ursachen für Nadelstichverletzungen und nach TRBA 250 ausdrücklich verboten. Entsorge benutzte Kanülen immer direkt und ohne Schutzkappe in den dafür vorgesehenen Abwurfbehälter.

Abwurfbehälter richtig nutzen:

  • Durchstichsichere Abwurfbehälter müssen in Griffweite stehen – am besten direkt am Arbeitsplatz
  • Behälter dürfen maximal zu zwei Dritteln gefüllt sein
  • Niemals Nadeln in den normalen Abfall werfen
  • Behälter vor dem Befüllen sicher aufstellen, damit sie nicht umkippen
Pflichten deines Arbeitgebers:
  • Bereitstellung von Sicherheitsinstrumenten
  • Regelmäßige Unterweisungen zum Umgang mit spitzen und scharfen Gegenständen
  • Erstellung und Aktualisierung eines Hygieneplans
  • Bereitstellung geeigneter persönlicher Schutzausrüstung (Handschuhe!)
  • Dokumentation und Analyse von Nadelstichverletzungen zur Vermeidung weiterer Vorfälle

Häufig gestellte Fragen

Muss ich eine Nadelstichverletzung melden, auch wenn der Patient „sauber" erscheint? Ja, unbedingt. Du kannst den Infektionsstatus eines Patienten nicht am Aussehen oder an der Krankengeschichte ablesen. Viele HIV- und Hepatitis-Infektionen verlaufen über Jahre symptomlos. Jede Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall und muss dokumentiert werden – ausnahmslos.

Wie schnell muss ich zum D-Arzt? Du solltest dich innerhalb von 24 Stunden bei einem Durchgangsarzt vorstellen. Bei einem konkreten HIV-Risiko ist die Vorstellung in der Notaufnahme innerhalb von 2 Stunden ratsam, um rechtzeitig mit der PEP beginnen zu können.

Wer trägt die Kosten für die Untersuchungen und die PEP? Alle Kosten werden von der zuständigen Berufsgenossenschaft (in der Regel der BGW) übernommen. Das gilt für die Erstuntersuchung, die Kontrolluntersuchungen, die PEP-Medikamente und auch für eine eventuelle psychologische Betreuung.

Kann ich mich weigern, die PEP einzunehmen? Ja, die PEP ist freiwillig. Du wirst ausführlich über Nutzen und Risiken aufgeklärt und entscheidest selbst. Es wird allerdings dringend empfohlen, bei einem realen HIV-Risiko die PEP einzunehmen. Die Nebenwirkungen sind in den meisten Fällen gut beherrschbar.

Was passiert, wenn ich mich an einer Nadel verletze, deren Herkunft unklar ist? Auch bei unbekannter Herkunft – etwa einer herumliegenden Kanüle – gelten dieselben Sofortmaßnahmen. Da der Quellpatient nicht identifiziert werden kann, wird das Risiko als erhöht eingestuft. Die Vorstellung beim D-Arzt und ggf. die Einleitung einer PEP sollten zeitnah erfolgen.

Wie lange dauern die Kontrolluntersuchungen nach einer Nadelstichverletzung? Die Nachsorge erstreckt sich in der Regel über 6 Monate. Blutuntersuchungen erfolgen typischerweise nach 6 Wochen, 3 Monaten und 6 Monaten. Bei negativen Ergebnissen zu allen Zeitpunkten gilt die Exposition als folgenlos überstanden.

Bin ich als Auszubildender genauso versichert wie festangestellte MFA? Ja. Auszubildende sind über die Berufsgenossenschaft genauso unfallversichert wie festangestellte Mitarbeiter. Alle Leistungen – von der Erstversorgung bis zur Nachsorge – stehen dir in gleichem Umfang zu.


Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei einer Nadelstichverletzung handele sofort nach dem beschriebenen Protokoll und suche umgehend ärztliche Hilfe auf.

Quellen

  1. [Einzelquelle] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, TRBA 250 „Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege“, Ausgabe November 2025. https://www.baua.de/DE/Angebote/Regelwerk/TRBA/TRBA-250 ↩

Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz erstellt und redaktionell geprüft. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und Prüfungsvorbereitung. Sie ersetzen nicht die offiziellen Prüfungsunterlagen oder den Unterricht. Trotz sorgfältiger Kontrolle übernehmen wir keine Gewähr für Vollständigkeit und Richtigkeit.

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