Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens hat sich seit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG, 2019) und dem Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG, 2020) deutlich beschleunigt. Wesentliche Bausteine sind die elektronische Patientenakte (ePA) im Opt-out-Modell seit 2025, das verpflichtende E-Rezept seit 2024, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) seit 2023, der sichere E-Mail-Dienst KIM sowie die Migration zu einer Zero-Trust-Architektur TI 2.0[^1][^2]. Verantwortlich für die Telematikinfrastruktur ist die gematik als nationale Agentur.
Kurz & knapp
- ePA für alle (Opt-out): Anlage seit 15. Januar 2025, bundesweiter Roll-out 29. April 2025, verpflichtende Praxisnutzung seit 1. Oktober 2025[^1]
- E-Rezept: verbindlich seit 1. Januar 2024 für verschreibungspflichtige Kassenrezepte
- eAU: digitale elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend seit 1. Januar 2023
- KIM (Kommunikation im Medizinwesen): sicherer E-Mail-Standard für Befunde, Arztbriefe, eAU
- TI 2.0 / Zero-Trust: TI-Gateway ersetzt schrittweise den Konnektor; ECC-Verschlüsselung ab 2026; ZETA-Produktiveinsatz Mitte 2026 mit VSDM 2.0; Migration bis 2029[^2]
- Telemedizin / Videosprechstunde: Abrechnungsfähigkeit nach EBM stark erweitert; mehr DiGAs („Apps auf Rezept“, BfArM-Verzeichnis seit Oktober 2020)
- KI: rechnerunterstützte Diagnostik (Radiologie, Dermatologie, Pathologie), administrative Automatisierung, Spracherkennung
- Verantwortliche Stelle: gematik – nationale Agentur für die Telematikinfrastruktur
Aktuelle Entwicklungen
Elektronische Patientenakte (ePA)
Mit der „ePA für alle“ wurde 2025 ein Opt-out-Modell eingeführt: alle gesetzlich Versicherten erhalten automatisch eine ePA, sofern sie ihr nicht aktiv widersprechen[^1]:
- 15. Januar 2025: Anlage der ePA für alle Versicherten
- 29. April 2025: bundesweiter Roll-out
- seit 1. Oktober 2025: verpflichtende Nutzung in Praxen (Befunde, Medikationsplan, Arztbriefe)
E-Rezept
- seit 1. Januar 2024 verpflichtend für verschreibungspflichtige Kassenrezepte
- Übermittlung über die TI an die Apotheken; Abruf durch den Versicherten via eGK, ePA-App oder Token
- spart Papierwege, ermöglicht Mehrfachverordnungen und Folgerezepte digital
eAU – elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
- seit 1. Januar 2023 verpflichtend; die Praxis übermittelt die AU-Bescheinigung digital an die Krankenkasse
- der Arbeitgeber ruft die AU-Bescheinigung selbst bei der Kasse ab
- ergänzend: telefonische Krankschreibung bis zu 5 Kalendertagen für bekannte Patienten ohne Praxisbesuch (verlängerbar)
Telemedizin und Videosprechstunde
- erweiterte Abrechnungsfähigkeit nach EBM
- besonderer Nutzen in ländlichen Regionen, in der Nachsorge und bei Verlaufskontrollen
- Aufklärung, technische Anforderungen (Verschlüsselung, Plattformfreigabe) und Datenschutz beachten
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)
- BfArM-Verzeichnis seit Oktober 2020
- Apps auf Rezept (z. B. zu Tinnitus, Adipositas, Depression, Diabetes)
- Verordnung über das Praxis-PVS oder die Krankenkasse möglich
KIM und TI 2.0
- KIM (Kommunikation im Medizinwesen): sichere E-Mail im Gesundheitswesen, Standard für eAU, Arztbriefe, Befundübermittlung
- TI 2.0 als nächste Generation der Telematikinfrastruktur:
- TI-Gateway ersetzt schrittweise den Konnektor in der Praxis
- Zero-Trust-Architektur mit moderner ECC-Verschlüsselung ab 2026
- ZETA (Zero-Trust-Endpoint-Architektur) und VSDM 2.0 im Produktiveinsatz Mitte 2026
- Migration bis 2029 weitgehend abgeschlossen[^2]
Neue Kompetenzen
Digitale Grundkompetenzen
- IT-Grundkenntnisse und souveräner Umgang mit dem Praxisverwaltungssystem
- Verständnis der Telematikinfrastruktur (eGK, KIM, ePA, E-Rezept)
- Datenschutz und IT-Sicherheit (Phishing erkennen, Passwortmanagement, Bildschirmsperre)
- Patientenkommunikation zu digitalen Leistungen (ePA-Aufklärung, Videosprechstunde, DiGA-Verordnung)
Spezialisierte Profile
- eHealth-Manager:in in Krankenhäusern oder MVZ
- Telemedizin-Koordinator:in
- Praxis-EDV-Beauftragte:r
- Medizinische Informatikerin / Medizinischer Informatiker (Studium, häufig dual)
- Qualitätsmanagement und Datenschutzbeauftragte/r mit IT-Schwerpunkt
Auswirkungen auf Berufsbilder
Veränderte Tätigkeiten
- weniger papierbasierte Verwaltung, dafür mehr digitale Dokumentation und sichere Kommunikation
- Patientenedukation zur Nutzung digitaler Tools (ePA-App, DiGA, Videosprechstunde)
- mehr schnittstellenbezogene Aufgaben (Praxis ↔ Apotheke, Praxis ↔ Krankenhaus, Praxis ↔ Krankenkasse)
- Routineaufgaben (Terminerinnerungen, Rezeptbestellungen) werden zunehmend automatisiert
Neue oder ausgeweitete Berufsbilder
- eHealth-/Digitalisierungsbeauftragte/r in der Praxis
- Telemedizinassistenz
- Datenanalyse im Gesundheitswesen (in Kliniken und Forschungseinrichtungen)
- Gesundheitsmanagement mit Schwerpunkt Digitalisierung
Herausforderungen
Technische Hürden
- Interoperabilität zwischen verschiedenen PVS und KIS
- Systemausfälle und Notfallbetrieb (Papier-Backup für Notfälle)
- Schulungsbedarf bei Personal und Patienten
- Update- und Wartungskosten
Akzeptanz
- Generationenunterschiede im Praxisteam
- Patientenseitige Bedenken zu Datenschutz und Souveränität
- Komplexe Aufklärungspflichten (insbesondere bei der ePA-Opt-out-Logik)
Datenschutz und IT-Sicherheit
- DSGVO und SGB V regeln Mindestanforderungen
- Cyberangriffe auf Krankenhäuser nahmen in den letzten Jahren zu; das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) unterstützt mit Mitteln aus dem Krankenhauszukunftsfonds
- KRITIS-Anforderungen für Einrichtungen ab bestimmter Größe
Chancen für Berufseinsteiger
- Digital Natives sind in vielen Praxen besonders gefragt
- neue Spezialisierungen (eHealth, Telemedizin) eröffnen Aufstiegspfade
- digitale Routineautomatisierung verschafft mehr Zeit für patientennahe Tätigkeiten
- frühe Digitalkompetenz erhöht die Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist die „ePA für alle“? Eine elektronische Patientenakte, die seit 2025 für alle gesetzlich Versicherten automatisch angelegt wird, sofern sie nicht aktiv widersprechen (Opt-out). Sie ist seit dem 1. Oktober 2025 in Praxen verpflichtend zu nutzen[^1].
Welche Vorteile bringt das E-Rezept? Wegfall des Papier-Rezepts, Übermittlung in der TI, Abruf via eGK oder App, weniger Medienbrüche zwischen Praxis und Apotheke. Verpflichtend seit dem 1. Januar 2024.
Was ist KIM? Kommunikation im Medizinwesen – ein sicherer, asymmetrisch verschlüsselter E-Mail-Dienst über die Telematikinfrastruktur, mit dem Praxen, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen Befunde, Arztbriefe und eAU rechtssicher austauschen.
Was ist TI 2.0 / Zero-Trust? Die nächste Generation der Telematikinfrastruktur. Das TI-Gateway ersetzt schrittweise den Konnektor in der Praxis; eine Zero-Trust-Architektur mit moderner ECC-Verschlüsselung wird ab 2026 produktiv eingeführt; die Migration soll bis 2029 abgeschlossen sein[^2].
Was sind DiGA? Digitale Gesundheitsanwendungen – Apps mit medizinischem Nutzen, die im BfArM-Verzeichnis gelistet und ärztlich verordnet werden können. Voll erstattungsfähig durch die GKV. Verfügbar seit Oktober 2020.
Welche neuen Kompetenzen brauchen Fachkräfte? IT-Grundkenntnisse, sicherer Umgang mit PVS und TI, Datenschutz, Patientenedukation zu digitalen Anwendungen. Spezialisten ergänzen mit Medizininformatik, Telemedizin oder eHealth-Management.
Wer ist die gematik? Die gematik – Nationale Agentur für Digitale Medizin ist die zentrale Stelle für die Telematikinfrastruktur. Mehrheitsgesellschafter ist seit 2019 der Bund (51 %), Anteile halten die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens.
Quellen
[^1]: Bundesministerium für Gesundheit / gematik: ePA für alle (Opt-out) – Anlage 2025, Roll-out April 2025, verpflichtende Praxisnutzung Oktober 2025.
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