Auch in einer regulären Arztpraxis treten Notfälle auf – meist als kardiovaskuläre Ereignisse, Synkopen, allergische Reaktionen oder hypoglykämische Zustände. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztlichen Vereinigungen empfehlen, dass jede Praxis über einen strukturierten Notfallplan, eine vollständige Notfallausstattung und regelmäßig geschultes Personal verfügt[^1]. Reanimation und erweiterte Maßnahmen folgen den Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC), zuletzt aktualisiert 2021 mit Konsens-Updates des German Resuscitation Council[^2].
Kurz & knapp
- Notruf: 112 (europaweit einheitlich)
- Beurteilungsschema: ABCDE – Atemweg · Atmung · Kreislauf · Defizit (neurologisch) · Exposition / Untersuchung
- Reanimation: Druckpunkt mittlerer Brustbeinbereich, Frequenz 100–120/min, Drucktiefe 5–6 cm, Verhältnis 30:2 (mit Beatmung) bzw. nur Thoraxkompressionen für Laien[^2]
- AED: ergänzend zur Basisreanimation, sobald verfügbar
- Notfallausstattung BÄK-Empfehlung (Auszug): Beatmungsbeutel, Sauerstoff, Medikamente (Adrenalin, Glukokortikoid, Antihistaminikum, Glukose 40 %, Acetylsalicylsäure 500 mg, Nitrolingual-Spray, Kortison, Salbutamol-Inhalator), AED, EKG, Blutzucker- und Pulsoxymeter[^1]
- MFA-Rolle: Erkennen, Alarmieren, Material bereitstellen, Vitalzeichen erfassen, Dokumentieren, Patienten und Angehörige betreuen
- Schulung: mindestens jährliche Notfallübung empfohlen, Erste-Hilfe-Auffrischung alle 2 Jahre
Notfälle erkennen
ABCDE-Schema
Das ABCDE-Schema ist die international standardisierte Reihenfolge der Notfallbeurteilung[^2]:
- A – Airway: freier Atemweg? Ansprechbarkeit? Sichtbare Verlegung?
- B – Breathing: Atemfrequenz, Atemtiefe, Sauerstoffsättigung, Atemgeräusche
- C – Circulation: Puls (Frequenz, Qualität), Blutdruck, Hautfarbe, Kapillarfüllung
- D – Disability: Bewusstseinslage (AVPU oder Glasgow Coma Scale), Pupillen, Blutzucker
- E – Exposure / Examination: Entkleiden zur weiteren Untersuchung, Schutz vor Auskühlung, Einsicht auf Hautausschläge, Verletzungen
Typische Notfälle in der Praxis
- kardial: akutes Koronarsyndrom (ACS), Herzinsuffizienz mit Lungenödem, Arrhythmien
- vasovagal: Synkope (häufig nach Blutentnahme oder Injektion)
- respiratorisch: Asthma-Exazerbation, COPD-Exazerbation, anaphylaktische Atemnot
- neurologisch: Krampfanfall, transitorische ischämische Attacke / Schlaganfall, schwerer Schwindel
- allergisch: Anaphylaxie (Stadien I–IV), Urtikaria mit Atemnot
- metabolisch: Hypoglykämie, hyperglykämische Entgleisung
- traumatisch: Sturz, Wunden, Frakturen
- psychiatrisch: akute Suizidalität, schwere Erregung
Sofort reagieren
- Patienten nicht allein lassen und in eine sichere Position bringen (Schocklage bei Hypotonie, stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit mit erhaltener Atmung)
- ärztliches Personal im Praxisteam sofort informieren („Notfall in Zimmer X“)
- Notruf 112 absetzen, wenn ärztlich angeordnet oder offensichtlich erforderlich (z. B. Reanimation, schwere Anaphylaxie, akutes Koronarsyndrom)
- klare, kurze Kommunikation an die Leitstelle: Wer ruft an, wo, was ist passiert, wer ist betroffen, welche Maßnahmen laufen?
Aufgaben der MFA im Notfall
Rollenverteilung im Team
In vielen Praxen werden Rollen vorab definiert. Bewährt hat sich ein Modell mit drei Rollen:
- MFA 1 – am Patienten: Erstmaßnahmen, Vitalzeichen, Beruhigung, Lagerung
- MFA 2 – Material und Telefonie: Notfallkoffer holen, AED bereitstellen, ggf. Notruf absetzen, Eingang offen halten für Rettungsdienst
- MFA 3 – Sekundäres: Patienten im Wartezimmer informieren, Akten und Vorbefunde bereitstellen, Dokumentation vorbereiten
Aufgaben im Detail
- Notfallmaterial holen: Notfallkoffer, AED, Sauerstoff, EKG
- Vitalzeichen erfassen und an den Arzt übermitteln (Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Bewusstseinslage)
- Patienten beruhigen – kurze, klare Sätze, ruhige Stimme
- Angehörige und Begleitpersonen in einen Nebenraum begleiten
- Reanimation nach Anweisung des Arztes durchführen oder unterstützen
- Dokumentation vorbereiten: Notfallprotokoll mit Zeit, Maßnahmen, Medikamenten
- Übergabe an Rettungsdienst mit kurzer SBAR-Struktur (Situation, Background, Assessment, Recommendation)
Reanimation nach ERC-Leitlinien
Bei Atem- und Kreislaufstillstand gilt vereinfacht der Basic Life Support (BLS)[^2]:
- Sicherheit prüfen (Eigenschutz, Patient von gefährlichen Bereichen entfernen)
- Bewusstsein prüfen (lautes Ansprechen, sanftes Rütteln)
- Hilfe rufen – Team alarmieren, Notruf 112
- Atemweg öffnen (Esmarch-Handgriff bzw. Kopf überstrecken)
- Atmung kontrollieren (Sehen, Hören, Fühlen, max. 10 Sekunden)
- Thoraxkompressionen sofort beginnen: Frequenz 100–120/min, Drucktiefe 5–6 cm, vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen
- Beatmungen im Verhältnis 30:2 mit Beatmungsbeutel oder Mund-zu-Mund-Maske
- AED sofort einsetzen, sobald verfügbar – Anweisungen befolgen
- kontinuierlich fortsetzen bis Übernahme durch Rettungsdienst oder Wiedererlangung normaler Vitalzeichen
Notfallausstattung
Notfallkoffer (Empfehlung BÄK)
Die Bundesärztekammer empfiehlt eine standardisierte Notfallausstattung[^1]; typische Bestandteile:
- Beatmungsbeutel mit Reservoirbeutel (Erwachsene und Kinder), passende Beatmungsmasken
- Sauerstoff mit Druckminderer und Inhalationsmaske
- Absauggerät (manuell oder elektrisch)
- Guedel-Tubus oder Larynx-Tubus
- Venöse Zugänge verschiedener Größen, Infusionssysteme
- Infusionslösungen (Vollelektrolytlösung)
- Notfallmedikamente: Adrenalin (i. m./i. v.), Glukokortikoid (z. B. Methylprednisolon), Antihistaminikum (z. B. Dimetinden), Glukose 40 %, Acetylsalicylsäure 500 mg, Nitrolingual-Spray, Salbutamol-Dosieraerosol, Atropin, ggf. Diazepam rektal/i. v.
- Adrenalin-Autoinjektor für die Anaphylaxie-Behandlung
- Pulsoxymeter, Blutzucker-Messgerät
- EKG
AED (Automatisierter Externer Defibrillator)
- in der Praxis Standard, insbesondere in größeren Praxen und MVZ
- Anbringung an gut zugänglichem, sichtbarem Ort
- regelmäßige Funktionsprüfung und Tausch der Batterien/Pads
- AED-Anwendung durch nicht-ärztliches Personal ist rechtlich abgesichert; Anweisungen des Geräts schrittweise befolgen
Wartung und Vollständigkeit
- monatliche Sichtkontrolle der Notfallausstattung
- Verfallsdaten der Medikamente überwachen, rechtzeitig erneuern
- Inventarliste im Notfallkoffer
- klare Verantwortlichkeit im Team (z. B. Notfall-Beauftragte/r)
Training
Regelmäßige Übung
- Notfallübung im Team mindestens jährlich, idealerweise zweimal pro Jahr
- Reanimationsschulung alle 1–2 Jahre über die Ärztekammer, KV oder externe Anbieter; vermittelt aktuelle ERC-Leitlinien und AED-Anwendung
- Erste-Hilfe-Auffrischung alle 2 Jahre
- Notfallszenarien durchspielen: Synkope, Anaphylaxie, akutes Koronarsyndrom, Krampfanfall
Nachbesprechung (Debriefing)
Nach jedem echten Notfall sollte ein strukturiertes Debriefing erfolgen:
- Was lief gut?
- Wo gab es Verzögerungen oder Unklarheiten?
- Welche Material- oder Schulungslücken sind aufgetreten?
- Welche Anpassungen am Praxis-Notfallplan folgen?
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wer setzt im Notfall den Notruf 112 ab? Im Idealfall die Person, die nicht direkt am Patienten arbeitet. In der Praxis ist eine klare Rollenverteilung sinnvoll; im Zweifel sollte jede Person, die einen lebensbedrohlichen Zustand erkennt, selbst den Notruf absetzen, statt zu warten.
Welche Medikamente gehören in den Notfallkoffer einer Arztpraxis? Mindestens Adrenalin, Glukokortikoid, Antihistaminikum, Glukose 40 %, Acetylsalicylsäure 500 mg, Nitrolingual-Spray, Salbutamol und Atropin. Die genaue Liste richtet sich nach Fachrichtung und Empfehlung der Ärztekammer[^1].
Wie wird ein AED bedient? Gerät einschalten, Pads gemäß Aufdruck auf den freien Brustkorb kleben, Anweisungen abwarten und befolgen. Während der Schockabgabe darf niemand den Patienten berühren. Anschließend sofort weiter mit Thoraxkompressionen[^2].
Welche Reihenfolge gilt bei einer anaphylaktischen Reaktion? Patienten flach lagern (bei Atemnot halbsitzend), Adrenalin i. m. (in den Oberschenkel) als erstes Medikament, Sauerstoffgabe, Kortison i. v., Antihistaminikum i. v., Notruf 112. Reihenfolge gemäß DGAKI-Leitlinien.
Wie oft müssen MFA Erste-Hilfe-Schulungen auffrischen? Eine Auffrischung alle 2 Jahre wird empfohlen; einige Bundesländer und Träger schreiben dies vor (insbesondere für betriebliche Ersthelfer nach DGUV).
Welche rechtliche Verantwortung trägt die MFA bei Reanimation? Im Rahmen der Hilfeleistungspflicht (§ 323c StGB) sind alle verpflichtet, im zumutbaren Rahmen zu helfen. Im Praxiskontext arbeitet die MFA unter ärztlicher Anweisung; die ärztliche Verantwortung bleibt bestehen.
Wie wird ein Notfall dokumentiert? Mit einem Notfallprotokoll, das Zeitpunkt, Auslöser, Maßnahmen, eingesetzte Medikamente, beteiligte Personen und Übergabe an den Rettungsdienst enthält. Die Eintragung erfolgt zeitnah und in der Patientenakte.
Quellen
[^1]: Bundesärztekammer / Kassenärztliche Bundesvereinigung: Empfehlungen zur Notfallausstattung von Arztpraxen, jeweils aktuelle Fassung.